Med. Trainingstherapie
Chronische Rückenschmerzen werden oft durch Muskelverkürzungen und -verspannungen verursacht oder gefördert. Muskeltraining ist hier bekanntlich ein wirksamer Therapieansatz, den Kollegen vielen Betroffenen empfehlen können. Um schnell einen größtmöglichen Therapieeffekt zu erzielen, der den Arzneibedarf senken unddie Patienten motivieren kann, haben Forscher ein besonderes Konzept entwickelt: Die Analysegestützte Medizinische Trainingstherapie für die Wirbelsäule.
Das Diagnose- und Trainingskonzept entstand zu Beginn der 90 Jahre unter Federführung des Forschungs- und Präventionszentrums zur Analyse und Optimierung der Funktion von Wirbelsäule und Bewegungsapparat - kurz FPZ - in Köln. Was diese Trainingstherapie leisten kann, wurde etwa in einer Untersuchung geprüft, in der mehr als 450 Rückenschmerz-Patienten 24 Trainingseinheiten durchlaufen hatten. Die Schmerzen hatten bei mehr als 80 Prozent der Teilnehmer zumindest deutlich abgenommen, 41 Prozent wurden schmerzfrei, der Medikamentengebrauch nahm um 43 Prozent ab, wie das FPZ mitgeteilt hat.
Was hebt dieses Trainingskonzept vom Gewichtestemmen in herkömmlichen Fitneßstudios ab?
Als einige wesentliche Besonderheiten des FPZ-Konzeptes nennt der Diplom-Sportpädagoge und Leiter des FPZ Qualitätsmanagements Dr. Frank Schifferdecker-Hoch:
Vor Trainingsbeginn kann über spezielle Fragebögen eine vorhandene psychische Komponente bei der Schmerzentstehung erkannt und daraufhin weiter abgeklärt werden.
Das Konzept profitiert von mehr als einem Jahrzehnt Forschungstätigkeit, bei der etwa Methoden zur individuellen Messung von muskulären Defiziten entwickelt worden sind.
Die Patienten werden beim Training sehr intensiv betreut, und ihre Trainingsfortschritte werden besonders detailliert aufgezeichnet und somit sehr anschaulich.
Wie ist dieses Diagnose- und Trainingsprogramm im Einzelnen aufgebaut?
Der erste Schritt ist eine Eignungsuntersuchung, die auch Hausärzte vornehmen und, so das FPZ, unter bestimmten Bedingungen nach GOÄ abrechnen können. Hier wird die Indikation für die medizinische Trainingstherapie gestellt. Kontaindikationen seien etwa frische Operationen am Rumpf oder neurologische Ausfälle, so Schifferdecker-Hoch zur "Ärzte Zeitung". Auch ein Größenlimit von 1,50 m gebe es, da kleinere Menschen an den Geräten nicht optimal trainieren können. Eine Altersgrenze gibt es nicht: "Unser ältester Patient ist 93 Jahre alt." Eine Übersicht zu Indikationen und Kontraindikationen und ein Formblatt für die Eignungstests bietet das FPZ im Internet zum Herunterladen an.
Wird die Indikation zum Training gestellt, kann das dreigeteilte Programm des FPZ-Konzepts starten: 90 Minuten Analyse, Aufbautraining, weiterführende Prävention.
In der Analyse werden Defizite der einzelnen Wirbelsäule-stabilisierenden Muskelgruppen eruiert, also ob und wie stark Muskeln und Sehnen verkürzt oder überdehnt sind, ob es Dysbalancen gibt und welche Maximalkraft erzeugt werden kann. Dazu machen die Patienten Tests an bis zu sechs verschiedenen speziellen Trainingsgeräten. Eine Spezial-Software vergleicht die gemessenen Daten mit Referenzdaten von tausenden gleichaltriger beschwerdefreier Personen. "So wird festgestellt, wo Stärken und Schwächen der Patienten liegen", so Schifferdecker-Hoch. Zudem füllen die Patienten spezielle Fragebögen aus, um psychosomatische Aspekte bei der Schmerzentstehung zu erkennen. Denn: "Überschreiten die Punktwerte für Angst, Hoffnungslosigkeit und Depressivität eine bestimmte Grenze, kann eine physische Therapie allein nicht mehr helfen", so der Sportpädagoge. Den Betroffenen werde zusätzlich zum Training eine psychotherapeutische Abklärung empfohlen.
Wie oft und mit welcher Betreuung wird nach dem FPZ-Konzept trainiert?
Je nach Schweregrad der Muskel-Defizite gibt es ein Aufbautraining mit zehn, oder eines mit 24 einstündigen Trainingseinheiten. Meist wird zweimal pro Woche unter regelmäßiger Erfolgskontrolle trainiert. Außer Kraftübungen an den Geräten gehören auch solche zur Muskeldehnung, zur Wirbelsäulenentlastung und Entspannung dazu. Bei alledem werden die Patienten intensiv betreut, wie Schieferdecker-Hoch sagte. Es "wurschtelt nicht jeder vor sich hin", sondern es sei immer jemand da, der motiviert, kontrolliert und den Trainingseffekt dokumentiert. Betreuer ist ein Krankengymnast oder Diplom-Sportlehrer pro drei Patienten oder, etwa bei sehr starken Rückenschmerzen, auch im Verhältnis eins zu eins. Die Betreuer haben eine Spezialausbildung der Deutschen Gesellschaft für manuelle Medizin durchlaufen. Zum Teil ist in den Therapiezentren auch ein speziell ausgebildeter Arzt als leitender Kooperationsmediziner anwesend. Sind die für den jeweiligen Patienten angestrebten Ziele bei Kraft und Beweglichkeit erreicht, können Patienten nach der Aufbauphase ein weniger intensives Präventionstraining anschließen.
Mit mehreren privaten Krankenversicherungen bestehen Verträge, die die Kostenübernahme der Behandlungen regeln. Einige wenige gesetzlichen Krankenversicherungen übernehmen auf Anfrage einen Teil der Kosten.





